3. September 2018

Haltung: Eltern als Vorbild digitaler Mediennutzung?!

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Seid Ihr denn verrückt?

Auch das noch: Jetzt muss ich als Papa mein geliebtes iPhone weglegen, nur um meinem Kind ein Vorbild zu sein? Seid Ihr denn total irre geworden? Doch es gibt gute Gründe, darüber nachzudenken!

 

Die digitale Mediennutzung in der Familie wird in den Massenmedien heftig diskutiert. Einerseits wird zurecht gemahnt vor einem übermäßigen Bildschirmkonsum (z. B. über eine Stunde täglich für 12-15-Jährige), andererseits sind Eltern euphorisiert, wenn ihr Kind acht Stunden täglich vor dem Bildschirm sitzt und als Youtuber die Welt mit infantilen Erkenntnissen bereichert (siehe Hart aber Fair vom 10.09.2018[1]).

 

Chancen und Risiken

Unbestritten empfinden Menschen die digitalen Zugangsmöglichkeiten zu Informationen und Kontakten als größte Chance seit Erfindung des Automobils. Beides bereichert unser Leben. Doch neben der subjektiv erfahrenen Bereicherung unseres Smartphones gibt es langfristig betrachtet objektive Risiken, auf die in wissenschaftlichen Studien regelmäßig hingewiesen werden. Im Fokus: Die Rolle von Eltern, Erziehern und Pädagogen. Bleiben wir hier bei den Eltern.

 

In einer publizierten Studie an 300 Familien mit 450 Kindern im Alter von 2 bis 12 Jahren wurde zum Beispiel beobachtet, dass digitale Medien die Entwicklung von Kindern nicht nur schaden können, wenn diese sie selbst nutzen (bestätigt durch die BLIKK-Studie[2]), sondern auch, wenn ihre Eltern sie während der Erziehung und im Familienleben nutzen. Der Studie zufolge verfolgen 40% der Kinder und 70% der Erwachsenen digitale Endgeräte (Smartphones, Tablets) zum Beispiel während der gemeinsamen Mahlzeit.[3]

 

Eine weitere Studie an 183 Paaren mit Kindern zeigt, dass dieser Mediengebrauch der Eltern später (in einem Jahr) zu mehr Verhaltensproblemen bei ihren Kindern führt. Die Studienautoren ziehen ein bedenkliches Fazit: Bestimmte Eigenschaften der digitalen Technologie, einschließlich ihres verführerischen Designs (eine lange Nutzungszeit hat eine belohnende Wirkung), spricht besonders solche Eltern an, die entweder ohnehin Schwierigkeiten mit der eigenen Selbstregulation haben oder die mit ihrem Familienleben frustriert sind. Das eine oder das andere oder beides wiederum führt zu noch mehr Unterbrechungen in der familiären Kommunikation und des familiär-sozialen Zusammenlebens durch digitale Technologien[4].

 

Wege aus dem digital-sozialen Teufelskreis

Wir befinden uns in einem Teufelskreis, den es zu erkennen und aufzubrechen gilt! Es wird Zeit, zu Hause ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Handy & Co zu vereinbaren und die eigene Haltung zu überdenken: „Das Digitale darf das Soziale nicht verdrängen!“, ist die Forderung in meinem Buch „Im digitalen Hamsterrad“. Das Buch fordert in süffisanter Weise einen gesunden Umgang mit Digital im Lebensalltag. Und ich habe Hoffnung. Kinder akzeptieren gesetzte Regeln für Handy & Co. eher, wenn sich auch die Eltern daran halten und einen bewussten Umgang mit Medien vorleben! Es hängst an Mama und Papa.

Vier erprobte Tipps, die garantiert funktionieren

  1. Wenn meine Tochter (9) mir sagt, dass ich wieder auf einem Bildschirm herumdaddel, fühle ich mich ertappt und lege das Gerät weg. Ich spiele dann mit ihr zum Beispiel 15 Minuten und beobachte, was mit mir passiert: Aus der Daddelsucht wird ein Spielerlebnis, das mir den Kopf freier macht und nach 10 Minuten irre Spaß macht. Das überträgt sich auf unsere Beziehung, so dass wir irgendwann gemeinsam lachen 🙂
  2. Damit ich mich immer wieder daran erinnere, steht auf dem Essenstisch der neue Jahres-Cartoon-Kalender AUSZEIT: Lachen ist garantiert. Und so bleibt das Digitalnutzungsthema stehts auf der Familienagenda.
  3. Ich habe mir zu Hause vor zwei Jahren mit meiner Tochter ein Handybett aus einem Schuhkarton gebaut. Abends kommt das Smartphone dort hinein (gegen 22 Uhr) und wird vor 07:00 nicht wieder angefasst. Mit Steffen Heil von der Auerbach-Stiftung hatten wir das selbe Erlebnis. Das Handybett ging mit der Auerbach-Stiftung in Serienproduktion. Es kann heute von Privatpersonen oder Unternehmen hier bestellt werden. Gemeinnützige Kitas, Kindergärten oder Grundschulen erhalten es kostenfrei bei der Auerbach-Stiftung hier. Bitte kurz Bezug auf meinen Namen und diesen Beitrag nehmen.
  4. iPhone-User haben mit der Einführung von iOS 12 die Chance, ihre Bildschirmzeiten zu überprüfen – das funktioniert auch über mehrere Apple Geräte. Hier eine gute Anleitung von Vodafone.  Adroid-Nutzer nutzen z. B. Freedom.

 

Fußnoten

[1]https://www.youtube.com/watch?v=rM0YZU75Y60

[2]BLIKK Medien Studie 2018 Abschlussbericht BLIKK-Medien: Kinder und Jugendliche im Um- gang mit elektronischen Medien (https://www. drogenbeauftragte.de/fileadmin/Dateien/5_Publi kationen/Praevention/Berichte/Abschlussbe- richt_BLIKK_Medien.pdf; abgerufen am 2.7.2018).

[3]Kellershohn J, Walley K, West B, Vriesekoop. Young consumers in fast food restaurants: technol- ogy, toys and family time. Young Consumers 2018; 19: 105–118.

[4]McDaniel BT, Radesky, JS. Technoference: parent distraction with technology and associations with child behavior problems. Child Dev 2018; 89: 100–109.

 

 

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Über den Autor:

  • Gerald Lembke

    Ich bin Gerald Lembke, Autor, Redner, Hochschullehrer, Vater und Musiker. Eigentlich arbeite ich als Professor für Digitale Medien, Medienmanagement und Kommunikation. In Wirklichkeit unterstütze ich täglich junge und ältere Menschen in ihren Lebensherausforderungen. Dazu gehört u. a. der sinnvolle und intelligente Umgangs mit digitalen Medien. Folge mir und registriere Dich für meinen kostenfreien Newsletter.

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