Digitale Mediensucht
26. Mai 2016

Mobile und digitale Mediensucht? Na und!

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Fröhliche Mediensucht

Ich liebe es, mich mit den Menschen vor, während und nach meinen Vorträgen zu unterhalten, so unter anderem mit angehenden und aktiven Lehrern an der Uni in Wien oder mit Frau von Merci vom ORF. In mittlerweile zahllosen Gesprächen mit Interessierten zu Themen der digitalen Mediennutzung in wirtschaftlichen Kontexten, spreche ich auch immer die exzessive Smartphone-Nutzung  an. Dies betrifft Kinder und Jugendliche, aber mittlerweile auch immer mehr Erwachsene. Denn sie verhalten sich grundsätzlich nicht anders, als ihre nachfolgenden Generationen (siehe meinen Beitrag zur Smartphonesucht der Erwachsenen).

 

Meine Kommunikationspartner reagieren teilweise aufgeschreckt, mit: „Was, so lange ist das Ding an?“ oder ablehnend: „Nein, ich bin nicht süchtig!“ Die meisten geben jedoch zu: „Ja, ich bin Smartphone-süchtig!“ und – sie lachen dabei. Und genau das ist die Motivation für diesen Beitrag. Warum nehmen Menschen den Zustand, sehenden Auges und schnellen Schrittes in die Abhängigkeit rennen, nicht ernst? 

 

 

Am Anfang steht immer die Neugier

Anstatt über andere zu schimpfen oder sich darüber zu erheben, nutzte ich hier die Gelegenheit, mein eigenes Nutzungsverhalten zu reflektieren. Diese Reflexion diente als Grundlage für die Tipps am Ende dieses Beitrages. Ich habe sie alle selbst ausprobiert und – sie funktionieren.

 

Ich bin ein intensiver Nutzer von modernen Technologien und könnte meine Arbeit – vor allem das Schreiben und die Medienproduktion – ohne Computer nicht effizient ausüben. Doch es gibt einen Unterschied: Ich habe auch noch die alten Techniken geistiger Arbeit auf Papier gelernt und fühle mich nicht so anfällig für die Verlockungen neuer Technologien. Ich lernte auch, dass die Neugier und die Begeisterung für Neues genauso schnell wieder abnimmt wie sie aufgekommen ist. Nachhaltig bleibt in der Regel wenig davon übrig. Es sei denn, es liefert mir einen deutlich erkennbaren Mehrwert für meine tägliche Arbeit.

 

Auf dem Wege zur Optimierung des Arbeitsalltages, musste ich nach nunmehr 25 Jahren mit Technik vollgeladenen Schreibtischen und Hosentaschen feststellen, dass es mir nicht gut tut und eben nicht meine Produktivität erhöht, sondern ein Zeitfresser ist. Sie kennen das: Das Aufspielen von täglichen Updates auf Ihrem Smartphone und PC, das Sichten der neuen Funktionen der Software und vieles mehr, frisst wichtige Lebenszeit. Und bringen diese Vorgänge zeitlich proportional auch die erhofften Vorteile? Nein! So verdaddelte auch ich über viele Jahre meine Zeit – auch wenn mich dieses Verhalten zu dem machte, was ich heute tue: Die Menschen zu beraten, die noch nicht so lange mit IT vertraut sind und den PC und vor allem Smartphones für die Handtasche bereits nutzen, seit sie auf dem Markt sind.  Diese Gruppe verbringt statistisch eine durchschnittliche Zeit von 3,5 Stunden online mit dem Smartphone (Studie N=200.000 Smartphone-Nutzer im Alter von 14 bis 65 Jahren in Deutschland), in der sie Nachrichten-Apps, Facebook (eine Stunde täglich) und Messenger wie Whatsapp nutzen.

 

Neurowissenschaftliche Grundlagen digital-süchtigen Verhaltens

Was uns Menschen an den zahlreichen Digital-Geräten hält, ist aus der neurologischen Wissenschaft und der Psychologie bekannt. Die Begeisterung für etwas Neues entspringt einer Neugier. Diese stimuliert das limbische System in unserem Kopf, das wiederum im Zusammenspiel mit anderen Hirnarealen für die Verarbeitung unserer Emotionen und für die Entstehung unseres Triebverhaltens, verantwortlich ist; vor allem für die Ausschüttung von Endorphinen. Endorphine sind körpereigene Opioidpeptide. Sie werden mitverantwortlich gemacht für die Entstehung von Euphorie. Euphorie ist handlungsleitend für bestimmte Typen von Menschen. Sie können charakterisiert werden als neugierig, humorvoll, spaßgetrieben, hedonistisch, offen, kreativ, extravagant, … . Neugier ist der angeborene Trieb, um uns Menschen im Alltag zu stimulieren und bei Laune zu halten.

 

 

 

Von der Neugier zum depressiven Dauer-Wischen

Um diese dauernde Neugier zu befriedigen, suchen sehr viele Menschen nach dem Neuem und Unerwarteten. Das neue Smartphone mit den neuen Funktionen, die neue App, der neue Kontakt, die neue Nachricht eines alten Kontaktes, ein neues Like in Facebook, eine weitergeleitete Nachricht in Twitter, die neue E-Mail. Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Und all das führt zu situativen Glücksgefühlen, die nach Sichtung der meist unwichtigen Information sofort wieder verfliegen. Doch die Wiederholung macht das (vermeintliche) Glück. Je häufiger wir auf die Benachrichtigungen stupsen, desto häufiger werden kleine Einheiten von Glückshormonen in unserem Hirn ausgestoßen.

 

Der positive Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Netzwerke und dem subjektiven Glücksempfinden ist seit Langem nachgewiesen. Doch der Trend dreht sich bereits seit einigen Jahren um. Die tägliche Durchschnittsnutzung der Facebook-App von einer Stunde, führt bei jedem zweiten Nutzer zu emotional beeinflussenden, konkret zu stimmungssenkenden Gefühlen, die pathologisch bis zur situativen Depression führen können. Die depressive Wirkung bestätigt eine gemeinsame Studie der Humboldt-Universität Berlin mit der Technischen Universität Darmstadt im Jahr 2013. Dieser Prozess tritt jedoch sehr schleichend und über einen langen Zeitraum ein. Es wird daher subjektiv keine unmittelbare Ursache-Wirkung empfunden. Und hier ist ein Erklärungsmuster gefunden, warum Menschen lachenden Auges munter immer häufiger und zeitlich immer länger auf ihren Plastikscheichen der mobilen Geräte wischen und stupsen.

 

 

Ein lebensbeeinflussender Nebeneffekt: Angst und Neid

Eines ist den meisten Benachrichtigungen auf unseren Smartphones gemein: Sie zeigen Nachrichten aus der ganzen Welt und Neues aus den eigenen sozialen Netzwerken von den vielen Unbekannten,  Bekannten und Freunden. Nehmen Sie sich einmal die Zeit und schauen Sie sich die diversen Nachrichten etwas genauer an. Die Medienwelt meldet uns meist verdächtiges Fehlverhalten von Menschen aller Lebensbereiche oder zeigt uns die Schönen und Reichen flanierend auf den Catwalks der Metropolen. In den sozialen Netzwerken sehen wir die hübschesten Urlaubsfotos und -videos mit den euphorischen Bilduntertiteln „Jippie, hier ist es so supi!“, während wir zu Hause auf dem Sofa sitzen und an die Wand oder gelangweilt auf unsere Bildschirme starren.

 

Angst, Neid und Missgunst sind die Botschaften der Benachrichtigungswelten, aus Medien und digitalen sozialen Netzwerken. Sie strömen minütlich auf uns ein. Das Smartphone ist unsere Abfüllablage im Taschenformat. Angst und Neid gelangt  stetig in kleinen Dosen in unser Bewusstsein und setzt sich über die täglich andauernde Penetration sehr bald in unserem Unterbewusstsein fest. Dort verbleibt es  länger als im Bewusstsein. So werden die Botschaften zu handlungsbeeinflussenden Merkmalen in unserem Alltag. Und da wundern sich manche, warum Menschen gefühlt immer neidischer und ängstlicher werden … .

 

Wie Sie Ihr „Aus Neugier zum Depri“-Dilemma austricksen

In diesem Beitrag widmete ich mich bereits dem Thema der digitalen Diät und gebe konkrete Tipps zum Umgang mit „Allwals-On“. Seit einiger Zeit schlagen vor allem Mediziner, Psychologen und Suchttherapeuten Alarm. Sie sehen in der exzessiven und unreflektierten Nutzung von digitalen Medien konkretes Suchtpotential und warnen vor den langfristigen Folgen.

Lösungsansätze können nur eines gemeinsam haben: die Einschränkung des Konsums – auf welchem Weg auch immer.

  1. Reduzieren Sie Ihren Smartphonekonsum auf das Wenigste. Tätigen Sie mehr Telefonate anstatt einfache Dinge über unzählige Whatsapp-Nachrichten-Ketten zu klären.
  2. Schalten Sie alle Benachrichtigungsfunktionen Ihrer Apps aus.
  3. Legen Sie die mobilen Geräte mindestens vier Stunden am Tag ausgeschaltet zur Seite. Gehen Sie an die frische Luft oder tätigen eine vergleichbare Nicht-Konsum-Aktivität.

 

 

 

 

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Über den Autor:

  • Gerald Lembke

    Ich bin Gerald Lembke. Ich bin Autor, Redner, Digital-Wissenschaftler, leidenschaftlicher Vater und seit Kindesbeinen Musiker. Eigentlich arbeite ich als Professor für Medienmanagement. In Wirklichkeit helfe ich täglich jungen bis älteren Menschen, einen intelligenten Umgang mit Digitalen Medien zu finden: Klasse statt Masse für eine erfolgreiche Digitale Transformation. Folgen Sie mir und registrieren Sie sich kostenfrei für meinen Newsletter.

Kommentare(2)

Antworten

Wie bei allem sind Fluch und Segen ganz nah beieinander. Richtig ist, der zielführende Umgang mit den digitalen Medien muss gewollt sein oder gelernt werden. Einerseits wundere ich mich über den Pokemon Hype. So habe ich mich in den letzten Tagen immer gewundert, warum Menschen an U-Bahnhöfen oder in der Stadt mit geneigtem Haupte und heftig mit Daumen und Finger hantierend an mir vorbeihuschen, der ein oder andere rempelnd, und andererseits in Unternehmen-Fachgsprächen mit Umsatzausichten u.a. „geblockt“ wird. Das limbische System und der Neugier Trieb müsste doch auch hier greifen, vor allem wenn man zunächst darüber spricht, es mal auszuprobieren, keine Kosten, kein Risiko – aber selbst da greifen andere Gesetze. Und die liegen in der Sache der Natur, im Unternehmen selber und bei den unterschiedlichen Meinungen. Aber welche Führungskraft möchte sich von aussen informieren lassen und dann Entscheidungen treffen, die ggf. nicht den vorgebrachten Einschätzungen seiner Abteilungsleiter entsprächen ? Ein Teufelskreis.

Antworten

danke für diesen Artikel. Ich dachte schon, ich sei hoffnunglos altmodisch… Ich habe nämlich nur ein ganz einfaches Handy für Telefonieren und SMS und benutze es äußerst selten… 😉

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