Digital Detox in der Praxis
23. Januar 2017

Wischmania – Wie andere damit umgehen

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„Walkie-Stalkie? Nein Danke.“

Vierzehn ganz verschiedene Menschen erklären, warum sie kein Smartphone benutzen.

Drei Viertel der Deutschen ab 14 Jahren besitzen ein internetfähiges Handy. 61 Prozent erklären sogar: „Ich kann mir ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen.“ (Quelle: bitcom). Was ist eigentlich mit den anderen – sind das aufsässige Gallier, Technikfeinde, weltfremde Freaks? Wir fragten nach.

 

Tina (52), Medizinische Fachangestellte

Ich will selbst entscheiden, wann ich mit jemandem rede und will auch nicht ständig irgendwas von jemandem geschickt bekommen. Internet kann ich daheim nutzen. Meine Handynummer haben gerade mal zwei Menschen. Noch nie war irgendwas dringendes. Eine SMS habe ich noch nie geschrieben. Mir fehlt nichts. Wenn mir mein Mann zum Geburtstag ein Smartphone schenken würde, wäre ich sauer.

 

Yvonne (50), Juristin, Essayistin, Unternehmerin im Bereich „künstliche Intelligenz“

2013 habe ich mein iPhone entsorgt. Ich habe verstanden, dass ich da ein Messgerät mit mir herumtrage. Ich habe die SIM-Karte entfernt und nutze es nur noch als Datenspeicher. Meine Telefondaten werden nicht von demselben internetfähigen Mobilgerät erfasst und an zig Unbekannte weitergeplaudert, die sich gleichermaßen für meine E-Mail-Inhalte oder Geo-Positionen interessieren. Mich stört außerdem, dass auch bei den Smartphones „Obsoleszenz“ eingeplant ist – sie veralten schnell und ständig muss man sich ein neues kaufen. Eine unverzeihliche Ressourcenverschwendung. Ich komme auch gut ohne digitale soziale Netzwerke aus. Meine Freunde sind echte Freunde. Ohne Smartphone zu leben ist eine Haltung. Ich übe Verzicht, solange es noch möglich ist.

 

Laura (25), Studentin

Ich benutze mein Handy nur zum Telefonieren und SMS schreiben. Bis jetzt hatte ich kein Bedürfnis nach einem Smartphone und ich komme auch an fremden Orten sehr gut ohne mobiles Internet zurecht. Ein Smartphone würde ich mir, wenn überhaupt, nur dann kaufen, wenn mein derzeitiges Handy kaputt ist. Es funktioniert aber sehr gut. Manchmal werde ich aufgefordert, doch bei WhatsApp oder Snapchat mitzumachen. Mir fehlt aber einfach das Bedürfnis. Ich erwarte auf meine SMS auch keine sofortigen Antworten.

 

Arne (44), Autor

Ich fühle mich ohne Smartphone unendlich frei. Wenn ich unterwegs bin – sei es in der Bahn, im Bus, zu Fuß oder auf dem Fahrrad – genieße ich es, gar nicht erst in die Verlegenheit kommen zu können, was auch immer zu recherchieren oder auf Mails antworten zu müssen. Wenn ich länger unterwegs bin, lasse ich mich heute noch immer genauso gern überraschen wie vor fünfundzwanzig Jahren, als ich in der Vorinternetzeit durch Europa gereist bin und nie wusste, wie am kommenden Tag das Wetter werden würde … Und manch eine Zugverspätung hat mir ein großes Abenteuer beschert, das ich nicht erlebt hätte, hätte ich zuvor von der Verspätung gewusst. Und ich bin fest davon überzeugt, viel mehr Zeit als andere Menschen zu haben für Dinge, die das Leben lebenswert machen, als 99% aller Smartphonebesitzer.

 

Gregor (29), Student der Sozialen Arbeit

Mir missfällt der Gedanke, mich von einem (technischen) Gerät abhängig zu machen. Ich verlasse mich lieber auf meinen Kopf und merke mir Dinge wie Busfahrzeiten oder Geburtstage. Außerdem finde ich es unnötig und zum Teil sogar belastend, ständig auch im Internet, also den sozialen Netzwerken etc., erreichbar sein zu sollen.  Weitere Gründe, wie Überwachung o.ä. möchte ich gar nicht erst aufführen, da ich der Ansicht bin, dass es (leider) so ziemlich jedem Smartphonebenutzer bewusst ist, wie gläsern ein solches (personalisiertes!) Gerät macht. Ein Freund hat mir sein Smartphone geschenkt. Ich testete es etwa 1-2 Wochen, kam für mich aber zu dem Schluss, dass es ein absolut unnötiger Zeitfresser ist und gab es zurück.

 

Walter (70), ehem. Informatiker

Ich befinde mich derzeit in einem Dilemma, denn vor kurzem habe ich tatsächlich ein Smartphone geschenkt bekommen, das ich mir gar nicht gewünscht hatte. Ich wäge schon die ganze Zeit ab, ob ich es benutzen soll. Mir ist nämlich klar, dass es meinen Lebenswandel spürbar verändern würde. Will ich das? Natürlich gibt es Funktionen, die nützlich sind und manches einfacher machen. Die meisten benutzen es ja für viele unterschiedliche Dinge. Die Konzentration so vieler Aufgaben auf ein einziges Gerät ist mir unheimlich. Ich würde mich sehr von diesem Teil abhängig machen. Ich müsste mich z.B. ständig um Datensicherung kümmern, und wenn es gestohlen wird oder kaputt geht, wäre ich völlig aufgeschmissen. Vermutlich aber wird der Druck durch die zahllosen Apps irgendwann so groß, dass man sich dem Trend der Zeit nicht mehr entziehen kann. Und dann?

Smartphonesucht und Wischmania

Smartphonesucht und Wischmania

Daniel (33), Kampfkunstlehrer

Es gefällt mir nicht, wie „verstöpselt“ viele Menschen heute herumlaufen. Man kommt nicht mehr so leicht in Kontakt. Oft sind auch ganz normale Regeln des Miteinanders plötzlich außer Kraft, nur weil so ein Gerät in der Nähe gerade vibriert.  Irgendwie will ich da nicht mitmachen. Mein Hauptargument gegen die Anschaffung eines Smartphones ist für mich allerdings der Herstellungsprozess dieser Geräte: sie werden unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert. So etwas kann ich nicht mit gutem Gewissen kaufen.

 

Ruth (48), Dipl.-Verwaltungswirtin (FH) und Baubiologin

Mir fehlt das Bedürfnis nach einem Smartphone. Alles, was man damit machen kann, kann ich zuhause am Laptop erledigen. Die Nachteile des Geräts überwiegen für mich: Noch mehr Strahlenbelastung, der mangelnde Datenschutz und die permanente Erreichbarkeit. Wenn ich unterwegs bin, bin ich unterwegs, fertig. Ich möchte dann nicht gleichzeitig noch mit digitalen Dingen beschäftigt sein. Ich will mich auf das konzentrieren, was ich gerade tue.

 

Manfred (72), ehem. Programmierer

Ich will nicht dauernd erreichbar sein. Ich will auch nicht gegen Laternenpfosten laufen. Ich habe auch was gegen die Dauerbestrahlung. Außerdem wird viel zu viel flaches Geschwätz verbreitet – es besteht da so eine Art Dauermitteilungswut. An Bekannten kann ich sehen, welche Auswirkungen das Smartphone auf die Leute hat. Da wird man schon gewarnt, man würde den Anschluss verpassen und dann nicht mehr zurecht kommen, wenn man die technische Entwicklung nicht rechtzeitig mitmacht. Also ich weiß nicht.

 

Gisela (63), Lehrerin

Dieses Teil interessiert mich überhaupt nicht. Ich wüsste gar nicht, wozu ich das brauchen sollte. Es würde mich total stressen, mich da einzuarbeiten. Die Handystrahlung und der Ausbau von WLAN-Netzen v.a. an den Schulen, das ist so schädlich, das grenzt für mich schon an Körperverletzung.

 

Wolfgang (69), ehem. Bildjournalist

Am liebsten kommuniziere ich mit Menschen ganz persönlich. Ich mag schon nicht gerne telefonieren. Ich will einfach lebendige Kommunikation, wo ich von meinem Gegenüber wirklich alles mitbekomme an direkten Reaktionen. Der Austausch von SMS ist doch kein „Gespräch“. Und im Internet, da bin ich schon daheim viel zu viel, das brauche ich unterwegs nicht auch noch. Ich sehe die Gefahr der Sucht und sage deshalb: „Ich fang das gar nicht erst an“. Eigenständig will ich sein, mit so wenig Einfluss von außen wie möglich. Ich will leben!

 

Conni (48), Fotografin

Ein Smartphone ist doch in Wirklichkeit ein „Walkie-Stalkie“. Ich habe mich da gründlich erkundigt. Das Gerät dient in erster Linie großen Firmen dazu, unser komplettes Verhalten rund um die Uhr zu beobachten, uns zu analysieren und danach irgendwie zu „bewerten“ und entsprechend zu manipulieren.  Alles mit scheinbar kostenlosen Apps. Das ist zutiefst entwürdigend. Und so ein Gerät soll ich mir auch noch von meinem eigenen, hart erarbeiteten Geld kaufen? Völlig unlogisch, die Konzerne haben doch den viel größeren Nutzen als wir.  Auch ein iPhone, also „Ich-Phone“ kann ich mir nicht kaufen, einfach weil es so heißt. Überall diese „Ich“-Geräte. Ein Handy sollte Verbindung schaffen und nicht noch mehr Egozentrismus fördern. Die meisten wollen ja doch nur etwas mitteilen. Jeder will Aufmerksamkeit. Wer hört eigentlich dem anderen noch richtig zu?

 

Carl (42), Hochschuldozent

Als ich das erste Mal ein Smartphone in der Hand hielt, wirkte es auf mich wie ein überzüchtetes Rennpferd. Empfindlich, teuer, und es beansprucht deutlich mehr Aufmerksamkeit als ein altes Handy. Ich mag auch nicht die Art der Bedienung. Ich will kein technisches Gerät streicheln, als wäre es ein zuwendungsbedürftiges Lebewesen, ich komme mir dabei wirklich blöd vor. Das Teil würde nicht mir dienen, sondern ich ihm. Dazu ist mir meine Zeit zu schade. Menschen, die ständig in ihre Kästchen schauen, wirken auf mich nicht cool, sondern irgendwie hypnotisiert, ferngesteuert und bedauernswert hilflos.

 

Reinhard (60), freiberuflicher Kommunikationsdesigner

Ich besitze überhaupt kein Handy. Ich finde schon stressig genug, was ich bisher an E-Mail-Kommunikation am PC zu bewältigen habe. Es wird immer mehr erwartet, dass man schnell reagiert und alles beschleunigt sich. Ich finde, dass es ausreichen muss, wenn man zu bestimmten Zeiten erreichbar ist. Ich sehe in der Fußgängerzone Menschen, die die Welt nicht mehr „3D“ erleben, sondern immer mehr „2D“, also als künstliches Abbild. Ehrlich gesagt weiß ich auch gar nicht, was ich ständig mitteilen sollte.

 

Gastautorin: Christiane Pfohlmann

www.pfohlmann.de

www.schnellzeichnerin.de

 

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Über den Autor:

  • Christiane Pfohlmann

    Christiane Pfohlmann ist Karikaturistin und Eventzeichnerin. Sie besitzt ein NoPhone Air und ein Wählscheibentelefon. Vor kurzem wäre sie beinahe von einem SMS-tippenden Autofahrer angefahren worden.

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