4. Juli 2015

Wischen statt Schlau – Neue Meinungsbildung?

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Und schon wieder: Disruption

Im ersten Teil zur erweiterten Strategie von Facebook & Co, uns Nutzer mit Hilfe von Nachrichtenchroniken an sich zu binden, erkennt der vertraute Betrachter der Digitalverlagsszene: Hier verändert sich nicht nur ein Konzern, sondern hier wird versucht, eine weitere Branche disruptiv auszuhebeln (Disruption wird hier erörtert). Was viele Digitalnerds schon immer gewusst haben wollten, nimmt nun seit einiger Zeit im Journalismus einen weiteren Anlauf. Und vermutlich wird dieser nicht ohne Erfolg bleiben.

 

Worum geht es?

Facebook hat ein neues Programm aufgesetzt namens „Instant Articles“. Verlage und auch Sender können diesem Programm Beiträge zur Verfügung stellen. Diese werden urheberrechtlich nicht verlinkt. Geld bekommen die Verlage dafür auch nicht – alles umsonst. Facebook zahlt aber mit den Daten seiner Nutzer. Denn Verlage dürfen auf diese zugreifen. Ein kleiner Trost bleibt den Verlagen: Sie dürfen zu den Artikeln ihre Werbung platzieren.

 

Was bedeutet das für uns Internetnutzer?

Welche Konsequenzen das für den Journalisten hat, vermag ich an dieser Stelle nicht zu beschreiben. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen und erzogen worden, den Journalisten als ehrbaren Beruf zu respektieren. Schauen wir auf die andere Seite des Nachrichtenmarktes, auf die Nachfrageseite.

 

Für den Internetnutzer wird es in Zukunft noch bequemer. Er muss nicht mehr durch verschiedene Online-Zeitungs-Portale surfen, sondern bekommt alles auf einer Seite präsentiert, ob die nun Spiegel-Online heisst, Buzzfeed oder in Zukunft Facebook, egal. Der persönliche Nutzen geht über alles. Doch diese bequeme Seite der digitalen Mediennutzung hat seine Schattenseiten. Journalistische Inhalte werden beliebig. Es gewinnt der Contentlieferant, der schnell und kostengünstig seine Inhalte zur Verfügung stellt. Ein Damoklosschwert schwebt somit über dem qualitativen Journalismus. Denn eine Qualitätsprüfung der Inhalte im Hinblick auf Wahrheitsgehalt und kritischer Reflexion wird von Facebook nicht vorgenommen. So werden wir in Zukunft wohl die Nachrichtenchroniken der sozialen Netzwerke bei Facebook und XING nutzen und werden darauf vertrauen müssen, dass die Inhalte glaubwürdig sind. Aber …

 

Vertrauen in die Medien sinkt dramatisch

Eine Studie (am Beispiel des Ukraine-Konfliktes 2014) von infratest dimap zeigt, dass das Vertrauen in Medien zunehmend sinkt. Ein Großteil der deutschen Mediennutzer vertraute der Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt wenig bis gar nicht. Dies gilt für Print- und Nonprintmedien gleichzeitig. Die repräsentative Umfrage ergibt alarmierende Zahlen.

Sie stellen den Anfang einer Entwicklung dar, in die das erweiterte Geschäftsmodell von Facebook wie Öl in einem schwellenden Feuer wirken wird. Wenn unterschiedliche Anbieter ohne Entlohnung der Text- und Meinungsschaffenden auf einer Seite aggregiert werden, so entscheidet ein einzelnes Wirtschaftsunternehmen, ob und welche Inhalte den Nutzern angezeigt werden. Und wieder mal sind wir, die Nutzer, die Dummen, denn Facebook verkauft (konkret überträgt) unsere umfassenden Nutzerdaten an die Verlage, die damit machen können was sie wollen. Als Abonnement des SPIEGEL bekommen diese nur meine Postadresse und Bankverbindung. Facebook liefert hingegen ganze Persönlichkeitsprofile.

 

Immer mehr mögen es bequem: Wischen und Bilder gucken

Diese Entwicklung kommt dem oberflächlichen Wischverhalten auf mobilen Endgeräten entgegen. Bilder und Videos muss man nicht lesen, sie werden weiter gewischt, konsumiert und dienen schließlich der Unterhaltung. Wohl den wenigen Erwachsenen, die dies zur Lernunterstützung nutzen. So wissen wir aus eigenen Eyetrackingstudien, dass der durchschnittliche Internetnutzer bei Textnachrichten die Überschriften überfliegt, der restliche Text wird gescannt, nach 1-2 Downscroller ist es bei den meisten vorbei mit dem Scannen. Ich frage mich, wie hier noch vertiefende und kritische Information den Empfänger oder sein Hirn erreicht? Die Ergebnisse sagen: Meinung aus Onlinemedien wird aus Überschriften entwickelt. Da stellt die BILD-Zeitung im Vergleich schon noch eine intellektuelle Monographie dar.

 

Wie Vertrauen zu den Medien entsteht

Facebook-Chroniken zu bewischen ist einfacher, als gezielt unterschiedliche Meinungen und Inhalte eines Themas zur eigenen Meinungsbildung zu sammeln, zu strukturieren und kritisch zu reflektieren. Ob wir Menschen hier in Zukunft noch eine umfassende Nachrichtenberichterstattung zur eigenen Meinungsbildung erhalten werden? Skepsis ist dringend angebracht. Fakt ist: Wenn wir Facebook den Vorrang zu Qualitätsmedien geben, wird der eine noch größer und der andere kleiner. Algorithmen versus Qualität. Es ist Ihre Entscheidung!

 

  1. Nutzen Sie monopolistische Nachrichtenaggregatoren kritisch. Ihre persönlichen Daten sind der Preis für Ihre Bequemlichkeit. Sie denken, Sie haben nichts zu verbergen? Dann lassen Sie nachts Türen und Fenster auf und schalten Ihre Alarmanlage ab. Wird schon nichts passieren!
  2. Vermeiden Sie am besten ganz die Nachrichtenportale der großen sozialen Netzwerke. Diese verkaufen Ihre Nutzerprofile an alle, die Geld dafür zahlen.
  3. Fördern Sie den qualitativen Journalismus.
  4. Kaufen Sie neben dem Onlinekonsum hin und wieder eine Tageszeitung und Magazin. Den Erlös bekommt derjenige, der Ihren Lieblingsartikel oder Kommentar geschrieben hat.
  5. Wenn Sie von Ihrem Smartphone nicht mehr wegkommen, nutzen Sie wenigstens das Onlineabo des Produzenten. Eines meiner Lieblingsportale ist die Süddeutsche Zeitung.

 

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Über den Autor:

  • Gerald Lembke

    Ich bin Gerald Lembke. Ich bin Autor, Redner, Digital-Wissenschaftler, leidenschaftlicher Vater und seit Kindesbeinen Musiker. Eigentlich arbeite ich als Professor für Medienmanagement. In Wirklichkeit helfe ich täglich jungen bis älteren Menschen, einen intelligenten Umgang mit Digitalen Medien zu finden: Klasse statt Masse für eine erfolgreiche Digitale Transformation. Folgen Sie mir und registrieren Sie sich kostenfrei für meinen Newsletter.