Work-Life-Balance
10. Dezember 2017

Der Irrsinn mit der „Work-Life-Balance“

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Personalentscheider können ein Lied davon singen: Bei Personalgesprächen mit der jungen Generation wird selten das große Geld gefordert, sondern es stehen Fragen nach Arbeitszeit, Freizeit oder Urlaubstagen zur Befriedigung privater, familiärer und freundschaftlicher Aktivitäten ganz oben auf der Liste der Bewerber (siehe hier). Junge Mütter stoßen in ein ähnliches Horn: Karriere? Gerne! Aber daneben auch noch viel Zeit für die eigenen Kinder und natürlich für Freunde und eigene Hobbys… Digitale Medien befeuern die Möglichkeiten, alles jederzeit und überall leisten zu können. Work-Life-Balance soll die Lösung sein. Ein Trugschluss und zugleich ein Plädoyer gegen die Mittelmäßigkeit und gerade deshalb für mehr Lebenssinn. 

 

Jeder Mensch möchte das was er macht, richtig gut machen. Der Webentwickler möchte geniale Workflows im Internet entwickeln, die Mutter (oder der Vater) möchte viel Zeit mit dem Kind verbringen und dessen Aufwachsen beobachten. Doch Work-Life-Balance ist der garantierte Weg in die Mittelmäßigkeit. Kennen Sie jemanden, der in seinem Job super erfolgreich ist und der zeitgleich an einem Tag mit seinen begrenzten 24 Stunden seine Hobbys pflegt, genug Zeit für die Familie und Freunde hat, regelmäßig in der Woche Sport treibt und auf seine Gesundheit achtet, sich zudem ehrenamtlich engagiert und seine Spiritualität lebt? Ich nicht. Aber: Möchten wir denn überhaupt Menschen in Politik, Wirtschaft und verantwortungsvollen Positionen in unserer Gesellschaft, die das alles gleichzeitig praktizieren?

 

Ein Gedankenexperiment

Gehen wir mal den umgekehrten Weg und gliedern einen durchschnittlichen Lebensalltag ohne Arbeitszeit auf:

  • Schlaf: 7 Stunden
  • Essen (drei Mahlzeiten): 1,5 Stunden
  • Wege zur Arbeit: 1 Stunde
  • Hobby, Zeit für sich: 2 Stunden
  • Familie und Freunde: 4 Stunden
  • Sport: 0,5 Stunde
  • Ehrenamt: 1 Stunde
  • Hausarbeit, Verwaltung, Einkaufen: 1 Stunde

 

Bei dieser Nettokalkulation sind Durchschnittswerte von Posten, die nicht täglich anfallen auf sieben Wochentage herunter gebrochen. Darüber hinaus sind keine unvorhergesehenen Ereignisse berücksichtigt. Das Ergebnis: Es verblieben für die tägliche Erwerbstätigkeit sechs Stunden! Die duchschnittliche Arbeitszeit von Leistungsträgern ist deutlich höher. Dabei ist es egal, welche Studie hohe Arbeitszeiten für Manager & Co. herausgefunden hat. Und es kann auch nicht um das Management-Prinzip gehen „Wer am längsten im Büro ist, leistet am meisten“. Wir wissen mittlerweile, dass das nicht stimmt.

 

Konzentration auf das Wichtige statt suf die Oberflächlichkeit

Es geht vielmehr um die nachhaltige Konzentration und den vollen Einsatz hin auf berufliche Ziele. Die Sekretärin meines Ausbildungschefs (eine alte Veteranin) sagte mir einmal: „Sie müssen jetzt viele Jahre Gas geben, sonst wird das nichts mit Ihnen. Weder hier oder woanders!“ Ich winkte ab und dachte, dass ich ja einer anderen Generation angehörte, die das auch anders hinbekäme als die Kriegsgeneration. Doch der jugendliche Leichtsinn sollte sich Jahre später rasch auflösen, als ich mehr Geld brauchte und forderte, und als ich einen nächsten Karriereschritt dafür ins Visier nahm – und es nicht klappte. Niederlagen und Rückschläge waren mindestens so häufig wie die kleinen Erfolge.

 

Raus aus dem Mittelmaß

Richtig ist: Lange Arbeitszeiten im Büro sind nicht erfolgsentscheidend. Aber die Konzentration auf das Ziel, Resilienz (Widerstandsfähigkeit), Urvertrauen, ein gesunder Ehrgeiz und Achtsamkeit bleiben die wichtigen Faktoren für beruflichen Erfolg. Wenn die nachfolgenden Generationen (z. B. Generation Y/Digital Natives) heute meinen, dass beruflicher Erfolg dem Privaten folgt, irren sie sich. Generationen ändern sich, aber Prinzipien der Lebensgestaltung eben nicht. Darum ist eine angestrebte Work-Life-Balance sowohl für nachfolgende Generationen eine Wunschvorstellung, die Mittelmäßigkeit nach sich zieht. Wer mehr will, etwas in seinem Leben gestalten möchte und den Sinn für sein Leben sucht, kommt mit dauerhaften Parallelaktivitäten nur gefühlt voran. Stattdessen schafft häufig der Rückzug auf das Wesentliche (und das kann immer wieder ein paar Jahre dauern) die von uns allen gesuchte Selbstwirksamkeit (Zufriedenheit) und Sinnhaftigkeit in unserem Leben. Und Niederlagen und Verzicht gehören nun mal genauso dazu wie partieller verzicht. Sie machen uns Menschen zu starken und resilienten Persönlichkeiten.

 

Wer außergewöhnlich erfolgreich werden will, muss außerordentlich engagiert sein. Neben Engagement kommt es auf das richtige Tun an. Konzentration ist angesagt. Wichtig ist auch, über eine lange Zeit volles Engagement zu zeigen, statt nur zu Beginn Vollgas zu geben („Start-ups“). Neben der Willenskraft braucht es vor allem Willensstärke, sich nach Misserfolgen wieder zu motivieren und weiter zu machen. Darin sind sich alle Erfolgsmenschen aus unterschiedlichen Bereichen einig, wie Rolf Schmiel heraus gefunden hat.  „Omis Rezepte“ wirken also auch heute noch.

 

Sinn finden ohne 100-Stunden-Tage:

    1. Hinterfragen und reflektieren Sie immer wieder Ihre Ziele.
    2. Suchen Sie nach Akzeptanzen für einiges im Hier und Jetzt.
    3. Wollen Sie mehr: Arbeiten Sie konzentriert, hart, über viele Jahre. Lernen Sie den Verzicht auf vieles Andere.
    4. Trainieren Sie den „Anti-Deutsch-Mindset“: Niederlagen und Rückschläge sind die besten Burner für berufliches Fortkommen!
    5. Friedrich Nietzsche hat Recht: „Was Dich nicht umbringt macht Dich nur härter“ (heisst heute Resilienz)
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Über den Autor:

  • Gerald Lembke

    Ich bin Gerald Lembke. Ich bin Autor, Redner, Digital-Wissenschaftler, leidenschaftlicher Vater und seit Kindesbeinen Musiker. Eigentlich arbeite ich als Professor für Medienmanagement. In Wirklichkeit helfe ich täglich jungen bis älteren Menschen, einen intelligenten Umgang mit Digitalen Medien zu finden: Klasse statt Masse für eine erfolgreiche Digitale Transformation. Folgen Sie mir und registrieren Sie sich kostenfrei für meinen Newsletter.

Kommentare(4)

Interessanter Artikel, aber er zeigt einiges auf, was ich persönlich an unserer Gesellschaft kritisiere. Immer mehr. Mehr Geld, mehr (bessere) Arbeit, mehr Einsatz. Kurz gefasst, sich immer am Maximum bewegen.
Ich habe nach meinem Abitur eine Ausbildung bei der Deutschen Bank gemacht, da habe ich das erste mal in meinem Leben so etwas wie massive Anstrengung und bedingungslosen Einsatz kennen gelernt. In dieser Zeit ging es mir seelisch auch nicht gut. Ich habe es trotzdem durchgezogen und einen sehr guten Abschluss hingelegt.
In dieser Zeit kam ich auch erstmalig in direkten Kontakt mit Menschen, die immer nach dem Maximum strebten (was von der Deutschen Bank auch gefordert war). Das waren Leute, die in ihrer exzessiven Selbstaufopferung für die Firma, die Arbeit, dem Produkt, ihr gesamtes soziales Leben in den Hintergrund stellten. Ich habe diverse Menschen kennen gelernt, die irgendwann mit Burnout ausschieden. Ich habe Menschen kennen gelernt, die mehr und mehr den Bezug zu ihren Partnern und ihrer Familie verloren. Ich habe bei zwei Kollegen das Scheitern der Ehe (auch aufgrund ihres Arbeitspensums) erlebt, ich hatte einen Kollegen, dessen 13 jähriger Sohn hoch depressiv war und er es, aufgrund seiner geringen Anwesenheit zu Hause, erst bemerkte (oder zuvor verdrängt), nachdem dieser nach Suizidversuch im Krankenhaus lag. Ich habe Menschen kennen gelernt, die alles hatten (dickes Auto, tolles Haus), und trotzdem alleine waren und sich nur noch mehr in Arbeit stürzten. Ich habe Menschen kennen gelernt, die ob ihrer „Karrieregeilheit“ jegliches menschliche Empathiegespür verloren (oder nie ausgebildet) hatten.
Mir war schnell klar, dass ich nie so werden will. Nach Abschluss der Ausbildung schlug ich das durchaus gut dotierte Übernahmeangebot der Bank aus und begann ein Studium in mathematischer Finanzökonomie. Auch da war ich, den nötigen Aufwand betreibend, sehr gut unterwegs. Was ich allerdings immer deutlicher merkte : es geht mir massiv an die Substanz. Entgegen meiner während und nach der Ausbildung gemachten Erfahrungen habe ich die Reissleine zunächst nicht gezogen, resultierend war der eigentlich abzusehende Totalzusammenbruch im 5. Semester. Mein Leben bestand zu diesem Zeitpunkt nur noch aus lernen, Uni und nebenbei jobben. Muss ja alles irgendwie finanziert werden. Und in den Semesterferien Praktika. Private Interessen, dafür war keine Zeit. Freunde, Familie und anderweitige soziale Kontakte? Keine (bzw kaum) Zeit dafür. Kurzum, was mir fehlte war die in ihrem Artikel angesprochene Work Life Balance.
Nach dem Zusammenbruch war ich knapp zwei Monate in einer psychosomatischen Klinik, in der mir die Augen geöffnet wurden. Ich habe dort im Prinzip genau den Typ Mensch getroffen, den ich vorher schon in der Deutschen Bank miterlebt hatte. Nur diesmal auf einer anderen Ebene. Aus den Gesprächen mit diesen Menschen habe ich viel gelernt, über Arbeit, über Geld, über die Bedeutung von Familie, Hobby und generell einfach die Bedeutung von LEBEN. Diese Gespräche haben mir weitaus mehr gebracht als jede Therapie.
Ein Mann, den ich dort kennen lernte (30 Jahre lang Geschäftsführer einer großen international tätigen Firma) sagte mir eines Tages : „Jeder Mensch hat ein Recht auf Mittelmäßigkeit.“ Dieser Satz ist mir bis heute nicht aus dem Gedächtnis. Er meinte damit nicht : mach deine Arbeit nur mittelmäßig. Was er meinte: „nicht immer nach dem maximal möglichen streben und sich selbst (und andere) dabei auf der Strecke lassen“. Und das wiederum in jeglicher Hinsicht.
Arbeit und Karriere ist, meiner Ansicht nach, nicht das Wichtigste im Leben, nach dem wir alles andere ausrichten sollten. Arbeiten um zu leben, und nicht leben um zu arbeiten.
Letztendlich habe ich das Studium abgebrochen und Sozialpädagogik studiert. Auch das war bisweilen sehr anstrengend, dafür habe ich jetzt ein ausgeglichenes Leben. Ich habe Zeit für Hobby, Freunde und Familie, ich habe geregelte Arbeitszeiten (auch mal Überstunden), ich habe eine mich erfüllende Arbeit, die ich im Rahmen meiner Möglichkeiten sehr gut mache.
Und dieses sehr gut reicht mir! Es muss nicht PERFEKT sein (zumal Perfektion im sozialen Bereich sowieso nicht möglich ist). Ich verdiene zwar nicht einmal die Hälfte von dem, was ich als Einstiegsgehalt bei der DB bekommen hätte, aber es reicht für ein gutes Leben mit ordentlichen Ansprüchen und am Ende vom Monat bleibt was übrig.

Im Endeffekt muss jeder selbst für sich entscheiden, was er sucht, will und braucht. Auch muss jeder für sich selbst entscheiden, was „Selbstverwirklichung“ ist. Darüber kann man nämlich vortrefflich streiten.

Eine generelle Ablehnung von Work Life Balance und der „Abkehr von der Mittelmäßigkeit“ empfinde ich persönlich für nicht erstrebenswert.

Mit freundlichem Gruß,
Markus F.

Antworten

Hallo Herr Lembke,

eine gute Beschreibung Ihrerseits von Work-Life-Balance, wobei ich persönlich den Begriff unpassend finde, suggeriert er doch ein Gegeneinander von Work und Life. Richtig und das macht keinen Sinn. Passender finde ich die Beschreibung „Life-Balance“, die klarer fokussiert, dass es um verschiedene Bereiche des Lebens geht, die miteinander verzahnt sind und immer wieder neu ausbalanciert werden müssen.
Und genau diese Sichtweise kommt in Ihrer Beschreibung leider zu kurz bzw. Sie priorisieren eine schon fast überholte Sichtweise von „alle Bereiche parallel nutzen… und am besten noch alle in der gleichen Intensität…“. Diese „Parallel-Nutzung“ ist genau das, was immer wieder zu einer missverständlichen Interpretation von „Work-Life-Balance“ geführt hat. Es geht nicht um Parallel-Nutzung sondern um Aus-Balancierung und darum, dass es Lebens-Phasen gibt, wo ein oder zwei Bereiche sehr wohl intensiv genutzt werden können, um dann wieder in anderen Phasen zugunsten anderer Lebensbereiche an Intensität zurückgefahren zu werden. „Der Weg ist das Ziel“ – ein sinnhaftes Leben könnte daher darin bestehen, immer wieder neu, ein Leben lang, eine Balance zu suchen und herzustellen.

Beste Grüße
Patrick Haas

    Vielen Dank, Herr Haas, für Ihren Kommentar. Sie haben vollkommen Recht und ich pflichte Ihnen bei. Ein Nebenher (Multitasking) von vielen Aktivitäten ist es nicht, und meine ich auch nicht. Grundsätzlich fordere ich Konzentration und Achtsamkeit bei der Verfolgung beruflicher und/oder privater Ziele. Das Internet verleitet uns allerdings zunehmend zu mehr Multitasking und Oberflächlichkeit statt zu Konzentration und Tiefe. Darüber sollten wir einmal nachdenken. Herzliche Grüße, Gerald Lembke

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