Gen Alpha
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Gen Alpha und Z: Ein neuer Blick auf die Generation Alpha und die Arbeitswelt von morgen

Ist die Gen Alpha die „Lost Generation“? Nein, sagt Prof. Lembke. Sie müssen an die Hand genommen werden: Ein neuer Blick auf die Gen Alpha und die Arbeitswelt von morgen

Ein Gespräch zwischen dem Magazin Textilwirtschaft und Prof. Dr. Gerald Lembke über die Herausforderungen und Chancen, die die jüngste Generation für Arbeitgeber und Gesellschaft mit sich bringt.

Sie werden oft als unmotiviert, undiszipliniert und anspruchsvoll abgestempelt: die Vertreter der Generation Alpha. Doch dieses Bild, das in der öffentlichen Wahrnehmung oft gezeichnet wird, ist nicht nur verkürzt, sondern verkennt auch die enormen Potenziale, die in diesen jungen Menschen schlummern. In einem aufschlussreichen Gespräch beleuchtet der renommierte Wirtschaftsinformatiker und Buchautor Prof. Dr. Gerald Lembke die Lebenswirklichkeit der Generation Alpha, die sich zwischen einer Flut an digitalen Angeboten und dem Wunsch nach echter Verbindung bewegt. Er plädiert für einen grundlegenden Wandel in der Art und Weise, wie wir junge Menschen auf das Berufsleben vorbereiten und wie Arbeitgeber ihnen begegnen sollten.

Zwischen Überforderung und ungenutztem Potenzial: Eine Generation auf der Suche

Die gesellschaftliche Wahrnehmung der Generation Alpha ist oft von einer kritischen Haltung geprägt, insbesondere wenn es um ihre „Employability“, also ihre Einsetzbarkeit in der Arbeitswelt, geht. Defizite in Motivation und traditionellen Werten wie Disziplin werden häufig beklagt. Prof. Lembke weist jedoch darauf hin, dass diese Einschätzung oft von einer leistungsorientiert sozialisierten Gesellschaft stammt, die sich nun in eine „Verwaltungsgesellschaft“ wandelt, in der das „höher, schneller, weiter“ an Bedeutung verliert.

„Sie sind schon eine Lost-Generation, die aufgrund der Vielfältigkeit von Angeboten in allen jeglichen Bereichen, ja, ob das nun Angebote im Konsum sind, ob das Angebote in der Bildung sind, ob das Angebote in den sozialen und digitalen Medien sind, natürlich, so was hatten wir, das kennt keine Generation, keine Kohorte vor Ihnen.“

Diese Überfülle an Optionen führt zu einer ständigen Konfrontation mit Mikroentscheidungen, die junge Menschen überfordern. Ihnen fehlt oft die methodische Anleitung, um in dieser komplexen Welt kluge Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig betont Prof. Lembke, dass jede Generation auf ihre Weise eine „Lost Generation“ war. Der entscheidende Unterschied heute sei, dass die jungen Menschen nicht in die Kunst der intelligenten Lebensführung eingeführt werden.

Der Wandel in der Arbeitswelt: Vom Verwalten zum Gestalten

Wie sollten Arbeitgeber auf diese neue Generation reagieren? Prof. Lembke fordert ein radikales Umdenken. Statt junge Mitarbeiter einfach ins kalte Wasser zu werfen, sei ein umfassendes Onboarding und eine Begleitung „an der Hand“ entscheidend. Es geht darum, ihnen nicht nur Fachwissen zu vermitteln, sondern sie bei der Entwicklung ihrer Handlungskompetenz zu unterstützen.

Generation Alpha
Generation Alpha

Wenn junge Menschen spüren, dass sich ältere Kollegen die Mühe machen, sie auf ihrem Weg zu begleiten, entsteht eine tiefe Dankbarkeit und Loyalität. Es geht darum, von einer reinen „Verwaltungskultur“ zu einer „offenen, liberalen, wirklich spaßbringenden Innovationskultur“ zu gelangen.

Two-Way-Traffic: Wenn Alt von Jung Gen Alpha lernt

Die Beziehung zwischen den Generationen ist jedoch keine Einbahnstraße. Insbesondere im Zeitalter der künstlichen Intelligenz können und müssen ältere Generationen von den Jüngeren lernen. Prof. Lembke spricht von einem „Two-Way-Traffic“, einem gegenseitigen Austausch von Wissen und Perspektiven. Er selbst hat ein Mentorenprogramm initiiert, bei dem erfahrene Geschäftsführer mit Studierenden zusammenarbeiten, um voneinander zu lernen.

„Die Alten haben auch gesagt, ja, wir sind ganz, ganz hibbelig darauf, von euch auch zu lernen und von euch Perspektiven zu kriegen, die wir einfach nicht mehr sehen. Weil unser blinder Lebensfleck einfach mit Ü50 einfach so wahnsinnig groß und schwarz ist und wir so festgefahren sind in dem von dem, er meint, was richtig ist, dass wir das überhaupt nicht mehr sehen können.“
Das Ende des Bulimie-Lernens: Bildung neu denken
Auch das Bildungssystem muss sich grundlegend wandeln. Prof. Lembke hat in seinem eigenen Fachbereich Klausuren weitgehend abgeschafft und setzt stattdessen auf praxisnahe Projekte, die sich an den Lebenswelten der Studierenden orientieren. Das Ziel ist es, das „Bulimie-Lernen“ – das kurzfristige Auswendiglernen von Fakten für eine Prüfung – zu überwinden und stattdessen nachhaltiges Wissen und Problemlösungskompetenzen zu fördern.

Ein Beispiel ist ein Projekt, das sich mit dem Kennenlernverhalten junger Menschen auseinandersetzte und in einer Kampagne mündete, die das soziale Miteinander wieder in den Vordergrund rückte. Solche Projekte, die aus der Lebenswelt der Studierenden stammen, entfachen eine enorme Motivation und Kreativität.

Die Sehnsucht nach dem Analogen

Interessanterweise beobachtet Prof. Lembke eine Gegenbewegung zur fortschreitenden Digitalisierung. Nach Jahren des Wachstums im Online-Handel verzeichnet der stationäre Handel wieder Zuwächse. Menschen sehnen sich nach echten Begegnungen und Erlebnissen. Dieser Trend zeigt sich auch in Initiativen wie „Social Runners Clubs“, die Menschen offline zusammenbringen.

Fazit: Gen Alpha? Eine Frage der Haltung!

Die Generation Alpha ist weder verloren noch unwillig. Sie ist ein Spiegel unserer Zeit – einer Zeit des Überflusses, der schnellen Veränderungen und der digitalen Dauerpräsenz. Die Herausforderung für Gesellschaft, Bildungseinrichtungen und Unternehmen besteht darin, den jungen Menschen Orientierung zu geben, sie an die Hand zu nehmen und ihnen Räume für Entwicklung und Mitgestaltung zu bieten. Es geht um eine Haltung der Wertschätzung, des ehrlichen Feedbacks und der Begegnung auf Augenhöhe. Wenn uns das gelingt, können wir die Potenziale dieser Generation nicht nur für den Arbeitsmarkt, sondern für die Zukunftsfähigkeit unserer gesamten Gesellschaft nutzen.

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